Das dritte Vierteljahr der Gärtnerin

Liebe verehrte Leserschaft,

im April hatte er uns nach nahezu 50-jähriger Tätigkeit im Betrieb verlassen. Einer unserer fleißigsten, robustesten Mitarbeiter. Kaum Fehlzeiten, immer da, wenn man ihn brauchte, verrichtete er seine Arbeiten so gut er es irgend konnte. Ja, die letzten Jahre hatte er angefangen zu rauchen, hat dabei auch noch, man will es kaum sagen, gestunken. Aber wenn man halt älter wird, bekommen auch die langjährigsten Mitstreiter in der Gärtnerei ihre besonderen Macken.  Ich kann Ihnen selbstverständlich auch den Namen dieses Mitstreiters nennen: er hieß -Holder AG 3-. Er war ein naher Verwandter vom Holder-Traktor A 45. Sie können nichts mit diesen Namen anfangen?  Insider bekommen bei diesen Angaben glänzende Augen. Solche alten Schmalspurtraktoren sind geradezu Leckerbissen für Freunde alter Schlepper im Weinbau, Obstbau oder im Gartenbau. Aber was fangen die Gärtnerinnen in der Gärtnerei  an mit einem Motorgerät, das zu qualmen beginnt? An dieser oder jener Stelle tropft und wenn halt doch einmal eine Reparatur angestanden ist, musste man fast verzweifelt die erforderlichen Ersatzteile zusammen suchen.

Jetzt haben die Gärtnerinnen einen rassigen Italiener. Feuerrot, ausgestattet mit allen Raffinessen, die der Traktorenbau bieten kann. Und mit einem recht schönen Namen:  „Antonio Carraro“ heißt er und darf jetzt schon kräftig mithelfen in der Gärtnerei. Wobei ? – so gar soviel gibt es für die Maschinen zur Zeit im Gärtnereibetrieb gar nicht zu tun. Jetzt in der Haupterntezeit ist sehr viel Handarbeit angesagt. 

Montags geht es jede Woche richtig los. Zunächst mit der Ernte von Tomaten. Eiförmige Exemplare, normale runde, Fleischtomaten, Mini-Tomaten, in gelb, rot oder orange. Dattel-Tomaten und auch Flaschen-Tomaten wandern von den Tomatenpflanzen in die Ernteeimer und von da in die Kisten für den Wochenmarkt. Trauben- oder Rispentomaten ernten die Gärtnerinnen und ihre Helfer allerdings nicht. Vielleicht weil sie wissen, dass keiner der Käufer die grünen Stiele der Rispe mitisst, den Stiel also gar nicht braucht. Die Gärtnerinnen ernten also Tomate für Tomate reif von der Pflanze und sie als Kunde merken das auch am Geschmack, weil der Transportweg zu Ihnen kurz ist und keine der Tomaten noch im Kistchen nachreifen muss.

Nach der Tomatenernte gehen die Gärtnerinnen an die Gurkenernte. Da kommen dann die Salatgurken dran. Später die Vespergurken und die Landgurken. Ein anderes Ernte-Team macht dann noch die Essiggurken, die am Marktstand auch als Fingergurken verkauft werden und sich unter anderem zum Frischverzehr eignen. 

Im August kommt dann vermehrt noch die Paprika-Ernte dazu. Weil der schöne rote große Blockpaprika außerordentlich viel Nachtwärme zum Reifen braucht, die wir in Ulm nicht unbedingt haben, pflanzten die Gärtnerinnen im Frühjahr eine ungarische Sorte mit schönen, eher kleinen hellgelben Blockfrüchten. Natürlich wurde auch Spitzpaprika in gelb, rot und orange in die Gewächshäuser gesetzt  und dann gibt’s da noch den dunkelvioletten Blockpaprika mit einer milden Note im Geschmack. Nicht zu vergessen unsere super schmeckenden Zuckermelonen!

Wenn der Montag als Erntetag nicht ausreicht, nehmen die Gärtnerinnen auch noch den Dienstag als weiteren Erntetag dazu. Warten doch Auberginen, in weiß, in lila oder gestreift, auf ihre Ernte.

Aber auch Stangenbohnen, Buschbohnen, Salat in 5 verschiedenen Sorten und Zucchini warten auf die Erntekolonne. Beim Ernten der Zucchini-Blüten sieht man die Produktionsleiterin meist selbst.  

Sind die Erntearbeiten weitgehend abgeschlossen, wird es den Gärtnerinnen nicht langweilig. Jetzt sind dann verschiedene Kulturarbeiten an der Reihe: Melonen-Triebe müssen gestutzt werden. Gurkenpflanzen werden zum Teil von unten her entblättert. Aber auch die Tomatenpflanzen warten auf Entblätterung der unteren Blattmasse bis etwa auf Kniehöhe. 

Mitte der Arbeitswoche müssen dann abgeerntete Salatbeete umgefräst werden. Der neue rote Italiener, also der Antonio Carraro, ist jedenfalls nicht ganz arbeitslos. Geschickt rangieren die Gärtnerinnen den temperamentvollen Mitarbeiter zu den Salatbeeten. Anschließend kommt oft sofort eine Neuanpflanzung dieser Gartenstücke. Schnell ist der Sommer rum und ein Auspflanzen kommt für den Salat nach der 33. Woche nicht mehr in Frage. Weil die Gärtnerinnen wissen: auch im Spätherbst freuen sich die Kunden auf einen großen gesunden und schönen Kopfsalat. Doch dieser würde  im Ulmer Freiland nicht mehr fertig.

Natürlich sind jetzt im Hochsommer nicht alle Mitarbeiter im Betrieb tätig. Nach und nach machen die Leute aus der Gärtnerei ihren Urlaub. Natürlich nicht 5 Wochen am Stück.  So was lässt die Tätigkeit in der besten Wachstumszeit nicht zu. Aber so 14 Tage sind doch für jeden drin. Stimmt nicht ganz: die Chefin ist eigentlich die ganze Erntezeit über im Betrieb. Sie ist natürlich besonders gefordert, weil die guten Sachen aus der Gärtnerei Woche für Woche umgehend und möglichst schnell verkauft werden müssen. 

Aber bei aller Freude am Ernten – natürlich macht man sich auch Sorgen über die tägliche Wetterlage. Starkregen  schwemmt besonders in einer Gärtnerei am Hang den Kulturboden herab. Auch mit Hagel und Sturm machten die Leute in der Gärtnerei in den letzten 125 Jahren ihres Bestehens schon mehrmals grausige Bekanntschaft. Aber – toi, toi, toi, dieses Jahr sind bis jetzt  die Schäden überschaubar. Zwar ist der Boden im Freiland bockelhart geworden, in zwei, drei Gewächshäusern hat Schmutzwasser vom Hang her hereingedrückt und eine sturmgeschädigte Lüftungsklappe mußte repariert werden.

Aber solche Beeinträchtigungen können bis jetzt den Arbeitseifer und den Frohsinn beim Schaffen nicht beeinträchtigen. 

Seien Sie gegrüßt und auf ein Wiedersehen im Spätherbst – dem vierten  Vierteljahr der Gärtnerin

JDG 28.07.21

Das Vierteljahr der Gärtnerin