Das zweite Vierteljahr der Gärtnerin

Liebe verehrte Leserschaft,
im April hat nun das „Zweite Vierteljahr der Gärtnerin“ in der Gärtnerei Gairing begonnen. Bevor wir aber einsteigen in all das Tun und Werkeln in einer Verkaufsgärtnerei, möchte ich Ihnen ein paar Besonderheiten der Gärtnerei Gairing erzählen:
Als der Urgroßvater ca. 1904 dieses Grundstück an der früheren Ehingerstraße im Donautal kaufte, hatte er sich für diesen großen Acker aus folgenden Gründen entschieden.

Es war eine Südhanglage; zwar war der untere Teil der Gärtnerei ziemlich eben (das Grundstück reichte bis in etwa der Mitte der heutigen vierspurigen B 311), aber die nördliche Hälfte des Geländes war und ist heute noch ein ziemlich steiler Südhang. Das brachte vor fast 120 Jahren den Vorteil, dass der Uropa im Frühjahr etwa 5 bis 10 Tage eher den Markt beliefern konnte, als etwa die große Konkurrenz aus Söflingen oder der übrigen Ulmer Gärtner. Vom Kuhberg her hatte das Grundstück, und hat auch heute noch, Zugang zu eigenem Wasser. Eine moderne Wasserversorgungsanlage versorgt die gesamte Gärtnerei bis heute mit „eigenem“ Wasser.

Hundert Meter von der Gärtnerei entfernt war der Bahnhof Ulm-Donautal. Hatte der Urgroßvater viel Ware nach Ulm zu transportieren, nutzte er diesen nahen Haltepunkt der königl. württembg. Staatsbahn. Aber meistens waren die gärtnerischen Ernteprodukte nicht allzu schwer. Der sparsame Gartenmeister Gustav Schmalzigaug brachte die Ware mit seiner Muskelkraft und die seiner Helfer mit dem Stangen- oder Handwagen in die Ulmer Kammachergasse, wo das Wohn- und Geschäftshaus bis 1944 gestanden hatte. Und von der Kammachergasse waren es mittwochs und samstags nur noch ein paar Meter auf den Ulmer Münsterplatz. Der Urgroßvater hatte wohl seinen Stand ganz in der Nähe des Brauttores.

Von zwei der aufgeführten Punkten aus dem vorigen Jahrhundert zehren die Gärtnerfamilie und ihre Mitarbeiter auch heute noch: vom Wasser und von der Hanglage. Die Südhanglage bringt auch heute noch einige Vorteile, aber nur derjenige, welcher dort auch arbeiten darf, weiß wovon man spricht: fast den ganzen Tag ‚bergauf‘-‚bergab‘! Vor dem Anbau Materialien hochtransportieren, später dann das Erntegut abtransportieren. In ein paar Gewächshäusern muß jedes Töpfchen durch einen steilen Abgang reingefahren werden und nachher wieder raus transportiert werden. Das ist eine besondere Herausforderung für alle Mitarbeiter der Gärtnerei Gairing. Natürlich stärkt dieses Arbeiten auch sämtliche Muskeln, die Lunge und regt besonders den Kreislauf an. (Daran hatte der Uropa damals noch gar nicht gedacht!) Unseres Wissens ist diese Gärtnerei noch der einzige Betrieb, der sich als „Berggärtnerei“ bezeichnen kann. Und wenn Sie ein bißchen eine Ahnung vom Arbeiten der Bergbauern im Allgäu haben, können Sie sich in etwa vorstellen, wie bei uns im Donautal gutes, gesundes, ansehnliches und frisches Gemüse und Salate produziert werden.

Betriebwirtschaftler können es manchmal nicht verstehen, dass eine Gärtnerei, die unter diesen erschwerenden Produktionsbedingungen arbeitet, heute noch existieren kann. Aber der Schlüssel zum Erfolg sind zum großen Teil Sie, liebe Leserschaft, die mit zunehmender Freude und Lust in so einer Gärtnerei einkauft.

Bevor aber eingekauft werden kann, muß Ware her. Das geht im Gartenbau ziemlich langsam. Die Pflänzchen werden ausgesät oder ein Spezialbetrieb hat die Aussaaten vorgenommen und liefert die Jungpflanzen oder die Halbfertigware aus.

Bei uns wird das Fruchtgemüse zu 90 % selbst ausgesät. Und vieles von diesem Sortiment hat jetzt ab April seinen Endstandplatz in den Gewächshäusern gefunden. Das sind z.B. die Tomaten, die in mehreren Sätzen angebaut werden und das sind die Vesper- und Salatgurken, deren Beete schon hergerichtet sind. Anfang Mai finden die verschiedenen Paprika- und Pepperoni-Sorten ihren Endstandplatz und auch die Auberginen und die Stangenbohnen.

Natürlich wird auch das Salatsortiment nicht vernachlässigt: Schnittsalat, Asiasalate, der das ganze Jahr geliebte Ackersalat und die „Salatherzen“ aus dem Freilandanbau werden laufend ausgesät, gepflanzt oder aufgestellt. Die aufmerksame Leserin und der Leser werden sich fragen: aufgestellt?“

Ja, viele Salatarten werden in der Gärtnerei Gairing auf die vorhandenen Kulturtische aufgestellt. Da die Gärtnerei vor ca. 10 Jahren im späten Frühjahr noch eine Beet- und Balkongärtnerei war, hatte man damals teure Bewässerungstische eingebaut. Um diese Tische auch heute noch nutzen zu können, haben sich unsere Gärtnerinnen besondere Kulturverfahren einfallen lassen, damit man auch auf „Balkonblumen-Tischen“ gute Vespergurken, sauberen Ackersalat, schnelle Kresse oder wohlschmeckende Kräuter produzieren kann.

Gerade bei Kräutern haben sich die Gärtnerinnen und weitere Mitarbeiterinnen äußerst gut eingearbeitet. Was sich nicht durch Samen kultivieren lässt, wird durch Stecklinge vermehrt. Was zu lange zu werden droht, wird gestutzt. Was wärmeliebend ist, darf in den Warmhäusern bis Ende Mai bleiben. Was kühl vertragen kann, wird rechtzeitig in unbeheizte kühle Gewächshäuser rangiert. Was abgehärtet werden muß, bekommt einen Standplatz im Freiland.

Anfang Mai kommt eine Hauptkultur des Frühjahrs zur Ernte und das bis zum Sommeranfang: Das sind die rotstieligen Rhabarberstangen (Sorte: ‚Holsteiner Blut‘), die an unserer Südhanglage und mit Hilfe unserer Bewässerungsanlage besonders gut wachsen.
Jetzt, Ende April, sind schon einige Blühstreifen hergerichtet und ausgesät worden. Die Gärtnerinnen versuchen, das gesamte Freiland sinnvoll zu nutzen und vor allem den Boden gesund zu erhalten, wie es seit über 100 Jahren die Gärtner der Gärtnerei Gairing vor ihnen gemacht haben.

Im Mai verschwinden die letzten Winter- und Vorfrühlingskulturen aus den Gewächshäusern. In den heißen Sommermonaten dürfen sich außer dem Fruchtgemüse auch noch Melonen im warmen Gewächshausklima räkeln. Der Mai ist aber auch noch ein wichtiger Pflanzmonat für das Freilandsortiment: Nach den Eisheiligen kommen die Zucchini in den Boden. Die Sommerbohnen werden ausgesät und wenn im Mai eine weitere Gärtnerin ihre Arbeit wieder aufnimmt (ihre Elternzeit ist rum), gibt es voraussichtlich wieder ein eigen produziertes S S S = Sommer-Salat-Sortiment.

Bei aller Freude am Gedeihen und Wachsen vergißt unsere Leiterin der Kulturen den Pflanzenschutz nicht. Den wohlbekannten Spruch: „hier wird nicht gespritzt!“ kann man bei sorgsamer gartenbaulicher Betrachtungsweise einfach nicht so stehen lassen. Was wäre in Coronazeiten die Aussage: „hier wird nicht gespritzt“! Unvorstellbar. Es muß gesagt werden: professioneller Pflanzenbau braucht sorgfältigen, abgewogenen, umweltbewußten und verantwortungsbewußten Pflanzenschutz.

Unsere Gärtnerinnen sind gut geschult! Sowohl im Pflanzenschutz, als auch im Thema Düngung: es werden in den Sommermonaten eine Vielzahl von unterschiedlichen Nützlingen ausgebracht. Die Gärtnerinnen werden beraten von unabhängigen Pfanzenschutzfachleuten, und unsere Chefin gibt jedes Jahr einen Haufen Geld aus, um Bodenproben von jedem Gewächshaus und von jeder Freilandparzelle auswerten zu lassen, um eine bedarfsgerechte und auf jede Kultur angepasste Düngung durchzuführen.

So – das wars, das zweite Vierteljahr der Gärtnerin. Freuen Sie sich auf die Produkte aus der Gärtnerei Gairing, die trotz Corona, trotz nassem März, trotz mordskaltem und trockenen April mit viel Herzblut in der Gärtnerei Gairing herangezogen werden.

Seniorgärtnermeister JDG